Empfehlungen der Reform-Kommission im Praxis-Check

4. Vergabe an den Wirtschaftlichsten, nicht den Billigsten

Die Reformkommission rät davon ab, eine Vergabe ausschließlich auf der Grundlage des Preises vorzunehmen. Vielmehr müßten qualitative, nicht direkt monetarisierbare Aspekte wie etwa Erfahrung und Zuverlässigkeit stärker in die Angebotsbewertung mit einfließen. Desweiteren empfiehlt die Kommission bei Großprojekten zugunsten von Kosten- und Terminsicherheit zusammengefaßte Vergaben vorzunehmen.

Wenngleich der letzte Punkt auch als eine Art „Glaubensfrage“ betrachtet werden kann, so setzt doch die Entscheidung für die eine oder andere Vergabeart überhaupt erst das Vorhandensein entsprechender Angebote voraus. Nicht nur der Neubau der Europäischen Zentralbank in Frankfurt hat vor einigen Jahren gezeigt, daß das Großprojekt nicht sinnvoll auf dem Markt der Generalunternehmer-Leistungen plazierbar war. Deshalb sollte einer solchen Entscheidung eine geeignete Marktsondierung vorangehen. Fraport hat insofern sehr gute Erfahrungen mit Informationsveranstaltungen, Branchentreffs und Verbandsgesprächen gemacht und so auch Anbieter-Märkte entwickeln können, die vorher nicht existierten. So konnten etwa Ängste und Vorbehalte im Mittelstand abgebaut werden, was zu einer höheren Beteiligung an Ausschreibungen geführt hat.

Beim Flugsteig A-Plus hat sich Fraport bei der Bauausführung aus Risiko-Aspekten bewußt gegen zusammenge­faßte Vergaben entschieden. Wo vom Volumen her vertretbar, wurden darüber hinaus sogar einzelne Gewerke weiter in Lose unterteilt und an unterschiedliche Bieter vergeben. So führen potentielle Probleme eines Auftragnehmers während der Bauausführung nicht gleich zu einem vollständigen Stillstand; der Bauherr erhält darüber hinaus zusätzliche Flexibilität, wenn es um die Ausführung zusätzlicher oder terminkritischer Leistungen geht. Rück­blic­kend betrachtet hat sich dieses Vorgehen sehr bewährt, zumal die wenigsten Bauvorhaben völlig störungs- oder änderungsfrei ablaufen und der Bauherr so besser reagieren kann. Deshalb entwickelt Fraport für jedes Bauvorhaben eine individuell maßgeschneiderte Vergabestrategie unter Berücksichtigung der jeweils vorherrschenden Marktverhältnisse.

Bei der Entscheidung zugunsten des wirtschaftlichsten und nicht des billigsten Angebotes sind zwei Herausforderungen zu meistern: Zum einen müssen insbesondere bei öffentlichen oder Sektorenauftraggebern rechtlich abgesicherte Wege gefunden werden, nicht monetarisierbare Aspekte objektiv und diskriminierungsfrei bewerten zu können. Dies erfordert bereits bei bei der Wahl des Vergabeverfahrens, seiner Bekanntgabe im Amtsblatt der EU und bei der Erstellung der Leistungsverzeichnisse besondere fachliche und rechtliche Kompetenzen und Anstrengungen. Was bereits hier versäumt worden ist, kann hinterher oft kaum noch nachgeholt werden. Die Fraport AG unterhält auch aus diesen Gründen einen spezialisierten Bauleistungseinkauf, der diese Hürden nehmen hilft.

Die andere Herausforderung ist kultureller Art. Es ist nämlich grundsätzlich zu akzeptieren, daß sich die in Rede stehenden, sog. „weichen Aspekte“ nie zu hundert Prozent eindeutig und reproduzierbar in Zahlen fassen lassen werden. Deshalb erfordert die Wahl des wirt­schaftlichsten Angebots letzten Endes auch die Bereitschaft, den Mut und die Befugnis eine Entscheidung treffen zu können, die durch keinen Zahlenvergleich eindeutig zu rechtfertigen ist und die sich möglicher Weise im Nachhinein als falsch herausstellen kann. Dem zuvor beschriebenen interdisziplinären Projektteam ist es aber zusammen mit dem Einkauf überwiegend sehr gut gelungen gelungen, die Grundlagen für solche Entscheidungen zu schaffen, die dann auch in den entsprechenden Gremien die notwendige Akzeptanz und Bestätigung gefunden haben.

Der Vollständigkeit halber sei hier erwähnt, daß der Qualitätsaspekt nicht auf die Bauwirtschaft beschränkt verstanden werden sollte. Fraport ist auch bei Planungsleistungen entsprechend verfahren.

1. WVPM

Präsident
Prof. Dr.-Ing. Norbert Preuß

1. Vorsitzender
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2. Vorsitzender
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